Nezumi, Klatschnass
Nezumi war in
einem Tunnel. In der Dunkelheit zog er einen ruhigen Atemzug. Die Luft roch
noch leicht nach feuchtem Schmutz. Er setzte seinen Weg vorsichtig fort. Der
Tunnel war klein. Gerade mal groß genug für Nezumi, um sich durchzuquetschen.
Und es war dunkel. Kein Licht war zu sehen. Doch Nezumi fühlte sich wohl. Er
mochte enge und dunkle Orte. An diese Orte konnten keine großen Lebewesen
gelangen, um ihn einzufangen. Ein Moment voller Ruhe und Erleichterung. Ein
dumpfer Schmerz kam aus der Wunde in seiner Schulter. Doch es machte ihm nichts
aus. Das Problem bestand vielmehr darin, dass er eine Menge Blut verloren
hatte. Die Wunde war nicht tief, nur eine gestreifte Schusswunde. Sie sollte
bereits gerinnen, doch die Wunde war noch… Sie war immer noch schleimig und
warm. Die Wunde blutete immer noch.
~ Sie hatten
die Kugel mit Antikoagulantien beschichtet. ~
Nezumi
biss sich auf die Lippe. Er brauchte etwas, um die Blutung zu stoppen. Thrombin oder Aluminiumsalz. Nein, nicht mal das. Zumindest sauberes
Wasser, damit er seine Wunde säubern konnte.
Seine
Beine knickten ein. Schwindel überkam ihn.
~
Nicht gut. ~
Vielleicht
Ohnmacht aus Mangel an Blut. Falls ja, wäre das schlecht. Er wäre nicht mehr in
der Lage sich zu bewegen.
~
Aber vielleicht hätte ich nichts dagegen. ~
Er
hörte eine Stimme in seinem Inneren.
Vielleicht
wäre es nicht so schlimm zu entspannen, unfähig sich zu bewegen, eingehüllt in
feuchte Dunkelheit. Er würde in den Schlaf fallen, ein langer Schlaf – und
friedlicher Tod. Es würde nicht schmerzen. Vielleicht würde es sich ein wenig
kalt anfühlen.
Nein,
das wäre zu leicht. Sein Blutdruck würde fallen, er hätte Schwierigkeiten beim
Atmen, seine Glieder wären gelähmt… Natürlich würde es nicht schmerzlos sein.
~
Ich will schlafen. ~
Er
war müde. Ihm war kalt. Es schmerzte. Er war nicht in der Lage sich zu bewegen.
Er musste nur noch eine Weile durchhalten, sagte er zu sich selbst. Bleib
ruhig. Es mag Leute geben, die ihn verfolgen, doch keinen, der ihn retten würde.
Dann sollte er einfach ein Ende in sein Leben setzten. Einfach schlafen gehen.
Einfach aufgeben.
Seine
Füße liefen weiter. Seine Hände glitten an der Wand entlang. Nezumi gab sich
ein gezwungenes Lächeln. Seine Stimme sagte ihm, er solle aufgeben, doch sein
Körper trug ihn hartnäckig weiter. Wie mühsam alles war.
~
Eine Stunde bleibt mir noch. Nein, 30 Minuten. ~
30
Minuten waren sein Limit. In dieser Zeit hatte er seine Blutung zu stoppen und
einen Platz zu finden, um sich auszuruhen. Harten Anforderungen, um am Leben zu
bleiben.
Eine
Bewegung durchfuhr die Luft. Die Dunkelheit vor ihm wurde allmählich heller.
Jeden Schritt setzte er sorgfältig. Er kam aus seinem engen und dunklen
Seitentunnel zu einem breiteren Bereich, der von weißen Betonmauern umgeben
war. Nezumi wusste, dass dies ein Abwasserkanal war, der vor 10 Jahren genutzt
wurde, am Ende des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zum Boden über ihm, wurden
die unterirdischen Anlagen von No. 6 nicht sehr gut gepflegt. Vieles davon war
in dem gleichen Zustand verlassen worden, wie es im letzten Jahrhundert war.
Dieser Abwasserkanal war nur einer von diesen, die verlassen und vergessen
wurden. Nezumi hätte um kein besseres Umfeld bitten können. Er schloss die
Augen und ging noch einmal im Kopf die Karte von No. 6 durch, die er aus dem
Computer extrahiert hatte.
Es
bestand eine gute Chance, dass dies der verlassene Weg K0210 war. Wenn ja, dann
sollte er in der Nähe des reichen Wohngebietes Chronos sein. Natürlich könnte
der Weg auch genauso gut in eine Sackgasse führen. Aber wenn er sich
entschlossen hatte zu leben, gab es nur diesen Weg vorwärts. Nezumi hatte in
seinem gegenwärtigen Zustand weder die Wahl eine Entscheidung zu treffen, noch
Zeit um nachzudenken.
Die
Luft veränderte sich. Es war nicht die abgestandene Feuchtigkeit von vorher,
sondern die von frischer Luft. Er erinnerte sich daran, dass es oben in Strömen
regnete. Diese Passage war auf jeden Fall mit der oberen Welt verbunden.
Nezumi
atmete ein und roch den Duft des Regens.
* * *
Der
7. September 2013 war mein 12. Geburtstag. An diesem Tag machte sich ein
Hurrikan, der sich vor einer Woche aus dem südwestlichen Bereich des
Nord-Pazifiks entwickelt hatte, auf den Weg nach Norden, gewann an Stärke bis
er bei uns direkt in der Stadt No. 6 eintraf.
Es war das
beste Geschenk das ich jemals bekommen hatte. Ich war voller Aufregung. Es war
erst nach vier, doch es wurde schon dunkel. Die Bäume neigten sich wie Blätter im
Wind und kleine Äste wurden abgerissen. Ich liebte die lärmenden Geräusche, die
sie machten. Es war das glatte Gegenteil der üblichen, stillen Atmosphäre
dieses Viertels.
Meine Mutter
liebte kleine Bäume und Blumen und durch ihre Begeisterung für den Anbau von Mandel-, Kamelien und
Ahornbäume war unser Hof voll damit. Aber Dank dessen, war der Lärm heute ganz
anders als alle anderen. Jeder Baum machte ein anderes Geräusch. Hin und her
gerissene Blätter und Zweige schlugen gegen das Fenster. Immer wieder brachen
Windböen dagegen.
Ich
hatte den Drang das Fenster zu öffnen. Selbst starke Winde waren nicht in der
Lage das bruchsichere Glas zu knacken und in diesem Atmosphäre kontrollierendem
Raum die stabile Temperatur und Feuchtigkeit zu verändern. Deshalb wollte ich
das Fenster öffnen. Es öffnen und die Luft, den Wind und den Regen hereinbringen,
ein Wechsel vom Üblichen.
„Shion“,
rief die Stimme meiner Mutter aus der Sprechanlage. „Ich hoffe du hast nicht vor
das Fenster zu öffnen.“
„Nein, hab
ich nicht.“
„Gut… hast du
schon gehört? Die tiefer gelegenen Ländereien des West-Blocks sind
überschwemmt. Schrecklich, nicht wahr?“
Sie klang
nicht danach, dass sie sich schrecklich fühlte.
Außerhalb von
No. 6 wurde das Land in vier Blöcke unterteilt. Ost, West, Nord und Süd. Das
meiste im Süden und Osten waren Ackerland oder Weiden. Sie sorgten für 60%
aller pflanzlichen Lebensmittel und 50% tierischer Lebensmittel. Im Norden gab
es eine Fläche von Laubwäldern und Bergen, unter vollständiger Erhaltung durch
das ‚Central Administration Komitee’.
Ohne die
Erlaubnis des Komitees, konnte keiner in diesen Bereich. Nicht dass jemand in
die Wildnis wollte, die vollkommen unbewohnt war.
In der Mitte
der Stadt gab es einen riesigen Waldpark, der eine Fläche von über 1/6 der
Gesamtfläche der Stadt hatte. In ihm konnte man die jahreszeitlichen
Veränderungen miterleben und die Interaktionen von hunderten von Arten kleiner
Insekten beobachten, die dort lebten.
Eine große
Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger war zufrieden mit der Tierwelt im Park. Ich
mochte den Park nicht sehr. Vor allem mochte ich die Stadthalle nicht, die in
der Mitte des Parks stand. Sie ging 5 Stöcke unter die Erde und war 10 Stöcke
hoch gebaut, außerdem wurde sie wie eine Kuppel geformt. No. 6 hatte keine
Wolkenkratzer, deshalb war dieses Gebäude sehr auffällig. Dennoch gab es einem
ein komisches Gefühl. Einige Leute nannten es ‚The Moondrop’, wegen seiner
runden, weißen Gestalt, doch ich fand, es glich eher einem Pickel auf der Haut.
Ein Pickel, der im Stadtzentrum aus der Erde kam. Es war umgeben vom
Stadtkrankenhaus und dem Sicherheitsgebäude, mit denen es durch Bahnen
verbunden war, die wie Gasleitungen aussahen. Die Umgebung war Wald. Der
Waldpark, ein Ort der Ruhe und Erholung für gute Bürger. Alle Pflanzen und
Tiere die hier lebten, wurden streng überwacht. Und alle Blumen, Früchte und
kleine Tiere der einzelnen Bereiche wurden in jeder Saison sorgfältig
aufgezeichnet.
Bürger
konnten durch das Stadt Service-System herausfinden, zu welcher Zeit und an
welchem Ort die beste Gelegenheit war, um die Natur zu beobachten. Perfektionierte
und vollkommene Natur. Aber auch er würde an einem Tag wie diesem wüten,
schließlich ist er ein Hurrikan.
Ein Zweig mit
noch grünen Blättern schlug gegen das Fenster. Ein Windstoß folgte und dessen
Getöse hallte für einige Zeit. Zumindest dachte ich, ich hörte es schwingen.
Das schalldichte Glas trennte mich von jedem Lärm von draußen. Ich wollte das
Fenster aus dem Weg haben. Ich wollte hören und fühlen, wie der Wind tobte.
Fast ohne nachzudenken riss ich das Fenster auf. Der Wind und der Regen wehten
herein. Der Wind rumorte, als käme er aus den Tiefen der Erde. Es war ein Rumoren,
das ich eine lange Zeit nicht zu hören bekommen hatte. Auch ich hob meine Hände
zum Himmel und stieß einen Schrei aus. Es würde sich im Wind zerstreuen und
würde niemandes Ohren erreichen. Immer noch schrie ich, ohne Bedeutung.
Regentropfen fielen in meine Kehle. Ich wusste, dass es kindisch war, doch ich
konnte nicht aufhören. Der Regen wurde stärker. Wie aufregend es wäre, meine
gesamte Kleidung auszuziehen und in den Regen zu stürmen. Ich versuchte mich
mir nackt vorzustellen, wie ich in dem reißenden Sturm herum rannte. Ich würde
definitiv für verrückt erklärt werden. Aber es war eine unwiderstehliche
Versuchung. Ein weiteres Mal öffnete ich meinen Mund und schluckte die herab fallenden
Tropfen. Ich wollte diesen seltsamen Impuls unterdrücken. Ich hatte Angst, vor
dem, was in mir lauerte. Manchmal finde ich, dass ich von einem wilden Tumult
von Gefühlen überwältigt bin.
Breche es.
Zerstöre es.
Zerstören, was?
Alles.
Alles?
Es ertönte
ein mechanisches Warnsignal. Es warnte mich, dass die atmosphärischen
Bedingungen im Zimmer sich verschlechterten. Schließlich würde das Fenster von
automatisch schließen. Entfeuchtung und Temperierung würden beginnen und alles
Nasse im Raum, mich mit eingeschlossen, trocknen. Ich wischte mir mein nasses
Gesicht am Vorhang ab und machte mich auf den Weg zur Tür, um die Luftsteuerung
auszuschalten.
Was wäre,
wenn ich in diesem Moment auf das Warnsignal gehört hätte? Manchmal frage ich
mich das immer noch. Wenn ich das Fenster geschlossen hätte und beschlossen
hätte in dem ausreichend trockenem Komfort meines Zimmers zu bleiben, wäre mein
Leben ganz anders verlaufen. Es hatte nichts mit bereuen zu tun, nichts
dergleichen. Es war nur ein eigenartiger Gedanke. Die eine Sache, die mein
ganzes Leben verändert hat, passierte durch diesen kleinen Zufall – dass ich am
7. September 2013, einem stürmischen Tag, das Fenster geöffnet habe. Es war ein
sehr eigenartiger Gedanke.
Und obwohl
ich an keinen bestimmten Gott glaube, gibt es Zeiten, an denen ich der festen
Überzeugung bin, dass der Begriff ‚Göttliche Hand’ der Wahrheit entspricht.
Ich machte
den Schalter aus. Der warnende Ton stoppte. Eine plötzliche Stille senkte sich
über den Raum.
Heh.
Ich hörte ein
leises Lachen hinter mir. Instinktiv wirbelte ich herum und gab einen leisen
Schrei von mir. Dort stand ein Junge, völlig durchnässt. Es dauerte eine Weile,
bis ich realisiert hatte, dass er ein Junge war. Er hatte schulterlanges Haar,
das sein schmales Gesicht fast versteckte. Sein Hals und seine Arme, die aus
dem kurzärmligen Hemd ragten, waren dünn. Ich konnte nicht sagen, ob er ein
Junge oder ein Mädchen war oder ob er jünger oder älter war, als er aussah.
Meine Augen und meine Gedanken waren zu sehr auf seine linke Schulter fixiert,
die rot gefärbt war, um an etwas anderes zu denken.
Es war die
Farbe von Blut. Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der so stark blutete, wie
er es tat. Instinktiv streckte ich meine Hand nach ihm aus. Plötzlich fühlte
ich einen starken Einfluss auf mich wirken und kaum dass ich es bemerkte, wurde
ich mit starker Kraft gegen die Wand gedrückt. Ich spürte ein eisiges Gefühl
auf meinem Hals. Es waren Finger, fünf von ihnen, die sich um meinen Hals schlossen.
* * *
„Nicht
bewegen“, sagte er.
Er war
kleiner als ich. Von unten gewürgt, versuchte ich einen Blick auf seine Augen
zu bekommen. Sie hatten ein dunkles, doch gleichzeitig helles Grau. Ich hatte
noch nie zu vor solch eine Farbe gesehen. Seine Finger verkrampften. Er sah
nicht sehr stark aus, dennoch war ich nicht in der Lage mich zu bewegen. Es war
nicht etwas, das ein normaler Mensch tun konnte.
„Ich sehe“,
konnte ich nach Luft schnappen. „Du bist darin geübt so etwas zu tun.“
Das Paar grauer
Augen blinzelte nicht. Ihr Blick war immer noch fest, sie wurden ruhiger, wie
die sanfte Oberfläche des Ozeans und ich konnte keine Farbe der Bedrohung,
Angst oder mörderischen Absichten an ihnen erkennen. Es waren ruhige Augen. Ich
konnte fühlen, wie meine eigene Panik verflog.
„Ich werde
deine Wunde behandeln“, sagte ich und leckte dabei meine Lippen. „Du bist
verletzt, nicht wahr? Ich werde es behandeln.“
Ich konnte
sehen, wie ich mich in den Augen des Eindringlings widerspiegelte. Für einen
Moment dachte ich, ich würde von ihnen eingesogen werden. Ich wendete meinen
Blick ab, sah auf den Boden und wiederholte:
„Ich werde
die Wunde behandeln. Die Blutung muss gestoppt werden. Du verstehst was ich
sage, nicht wahr?“
Der Griff um
meinen Hals löste sich leicht.
„Shion.“
Die Stimme
meiner Mutter ertönte aus der Sprechanlage. „Du hast das Fenster geöffnet,
richtig?“
Ich holte
tief Luft. Ich fühlte mich gut. Es war in Ordnung, beruhigte ich mich. Ich
konnte mit normaler Stimme sprechen.
„Das Fenster?
… Oh, ja, es ist offen.“
„Du wirst dir
eine Erkältung einfangen, wenn du es nicht schließt.“
„Ich weiß.“
Ich konnte
hören, wie meine Mutter am anderen Ende der Leitung lachte.
„Du bist
heute 12 geworden und benimmst dich trotzdem noch wie ein kleiner Junge.“
„Okay, ich
hab verstanden… Oh, Mama?“
„Was?“
„Ich muss
noch einen Bericht schreiben. Kannst du mich für eine Weile allein lassen?“
„Einen
Bericht? Dein hoher Bildungsweg hat doch gerade erst begonnen?“
„Huh? Oh, …
na ja, ich habe eine Menge Aufgaben zu erledigen.“
„Ich verstehe…
überarbeite dich nicht. Komm später zum Abendessen nach unten.“
Die kalten
Finger zogen sich von meiner Kehle zurück. Mein Körper war frei. Ich streckte
meine Hand aus, um die Luft-Steuerung neu zu starten. Ich wollte sicher gehen,
dass das Sicherheitssystem ausgeschaltet war. Hätte ich dies nicht getan, wäre
dem Sicherheitssystem der Eindringling aufgefallen und der Alarm hätte von
Neuem begonnen. Wenn die Person als Bürger von No.6 erkannt werden würde, würde
dies nicht passieren, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass der
Eindringling eine Staatsbürgerschaft hat.
Das Fenster
schloss sich und die warme Luft begann im Raum zu zirkulieren. Der Eindringling
mit grauen Augen lehnte sich halb zusammengebrochen in der Hocke gegen das
Bett. Er stieß einen langen, tiefen Atemzug aus. Er war erheblich geschwächt.
Ich holte den Notfallkoffer. Zuerst maß ich seinen Puls, dann zeriss ich das
Hemd und begann die Wunde zu reinigen.
„Das…“
Ich konnte
nicht helfen, nur starren. Ich war nicht vertraut mit dieser Art von
Verletzung. Es war eine Mulde in seiner Schulter.
„Eine
Schusswunde?“
„Ja“, es war
eine lässige Antwort. „Es hat mich verfehlt. Was ist eure Bezeichnung für diese
Wunde?“
„Ich bin kein
Spezialist. Ich bin noch Schüler.“
„Vom hohen
Bildungsweg?“
„Ab nächstem
Monat.“
„Wow. Hoher
IQ, huh?“
Es war ein
Hauch Sarkasmus in seiner Stimme. Ich hob meinen Blick von seiner Wunde und sah
ihm in die Augen.
„Machst du
dich über mich lustig?“
„Mich über
dich lustig machen? Wenn du mich behandelst? Niemals. Also, was ist deine
Spezialisierung?“
Ich sagte
ihm, dass ich auf Ökologie spezialisiert bin. Ich hatte gerade erst die
Erlaubnis bekommen im hohen Bildungsweg zu studieren. Ökologie. Es hatte am
wenigstens damit zu tun, wie man eine Schusswunde behandelt. Meine erste
Erfahrung. Es war ein wenig aufregend. Mal sehen, was muss ich als erstes tun?
Desinfizieren, Kleidung… oh ja, ich musste die Blutung stoppen.
„Was machst
du da?“
Er starrte
mich an, als ich eine Spritze in die Hand nahm, und schluckte.
„Örtliche
Betäubung. Also, los geht’s.“
„Warte, warte
eine Minute. Du wirst es betäuben und dann?“
„Nähen.“
Angeblich
hatte ich dies mit einem Grinsen im Gesicht gesagt, so dass es aussah, als
könnte ich mich nicht mehr als in diesem Moment freuen. Es war etwas, dass ich
erst viel später herausfand.
„Es zu nähen!
Geht es noch primitiver als das?“
„Das ist kein
Krankenhaus. Ich habe keine speziellen Sachen da und außerdem ist eine
Schusswunde an sich schon ziemlich primitiv.“
Die
Kriminalitätsrate lag in dieser Stadt schon fast bei Null. Die Stadt war sicher
und keiner der Bürger hatte es nötig, eine Waffe bei sich zu tragen. Wenn sie
es taten, dann nur um auf die Jagd zu gehen. Zwei Mal im Jahr wurden die Regeln
für die Jagdsaison aufgehoben. Mit Schusswaffen über ihre Schultern gehängt,
wagten Hobbyjäger sich in das nördliche Gebirge. Mutter mochte sie nicht. Sie
sagte sie könnte nicht verstehen, wie jemand Tiere zum Spaß töten konnte und
sie war nicht die Einzige die so dachte. In Volkszählungen beschwerten sich 70%
der Bürger über die Jagd, die als Form des Sports zählte. Das Töten armer,
unschuldiger Tiere. Wie gewalttätig, wie grausam…
Aber die
blutende Gestalt vor mir, war kein Fuchs oder Reh, sondern ein Mensch.
„Ich kann es
nicht glauben…“, murmelte ich vor mich hin.
„Was
glauben?“
„Dass es
Menschen gibt, die auf andere Menschen schießen… es sei denn… sag mir nicht du
wurdest aus Versehen von jemandem aus der Jagdgesellschaft angeschossen?“
Seine Lippen
kräuselten sich. Er lächelte.
„Jagdgesellschaft,
huh. Nun, ich denke so kann man sie nennen. Doch ich wurde nicht aus Versehen
angeschossen.“
„Sie wussten,
dass sie auf einen Menschen schießen? Das ist gegen das Gesetz.“
„Ist es das?
Statt eines Fuchses jagten sie zufällig einen Menschen. Eine Menschenjagd. Ich
glaube nicht, dass das gegen das Gesetz ist.“
„Was meinst
du damit?“
„Dass es
Jäger gibt und die Gejagten.“
„Ich verstehe
nicht, über was du redest.“
„Das dachte
ich schon. Du brauchst es nicht zu verstehen. So, meinst du es wirklich ernst
mir eine Spritze zu geben? Hast du nicht ein Betäubungsspray oder so etwas?“
„Ich wollte
schon immer mal versuchen, jemandem eine Spritze zu geben.“
Ich
desinfizierte die Wunde und betäubte sie mit drei Injektionen an drei
verschiedenen Stellen rund herum. Meine Hände zitterten ein wenig von der
Aufregung, aber es verlief reibungslos.
„Es sollte
bald anfangen taub zu werden und dann...“
„Wirst du es
nähen.“
„Genau.“
„Hast du
irgendwelche Erfahrungen?“
„Natürlich
nicht. Ich werde nicht in die Medizin gehen. Aber ich habe Grundkenntnisse in
Sachen Nähen. Ich habe darüber ein Video geschaut.“
„Grundkenntnisse,
huh…“
Er holte tief
Luft und sah mir direkt ins Gesicht. Er hatte dünne, blutleere Lippen, hohle Wangen
und blasse, ausgetrocknete Haut. Sein Gesicht war wie von jemandem, der kein
menschenwürdiges Leben geführt hatte. Er sah wirklich aus wie ein Beutetier,
das schonungslos gejagt wurde, völlig erschöpft war und keinen Platz übrig
hatte, an den es flüchten konnte. Aber seine Augen waren anders. Sie waren
emotionslos, doch ich konnte eine erbitterte Kraft von ihnen ausgehend spüren.
War es Vitalität? Ich hatte noch nie jemanden in meinem Leben getroffen, dessen
Augen so unvergesslich waren wie jene. Und diese Augen starrten mich unverwandt
an.
„Du bist
seltsam.“
„Warum
würdest du so etwas sagen?“
„Du hast
nicht einmal nach meinem Namen gefragt.“
„Oh, stimmt.
Aber ich habe mich auch noch nicht vorgestellt.“
„Shion, nicht
wahr? Wie die Blume?“
„Genau. Meine
Mutter liebt Bäume und Wildblumen. Was ist mit dir?“
„Nezumi.“
„Huh?“
„Mein Name.“
„Nezumi… das
ist es nicht.“
„Nicht was?“
Diese
Augenfarbe war nicht die einer Ratte. Sie war mehr eleganter. Wie… der Himmel
kurz vor dem Morgengrauen – sah es nicht so aus? Ich errötete verlegen, als ich
mich beim reden erwischte wie ein lahmer Dichter. Ich erhob meine Stimme.
„Also, weiter
geht’s.“
Denk an die
grundlegenden Schritte der Naht, sagte ich mir. Setze zwei oder drei stabile
Fäden und nutze sie als Unterstützung um die fortlaufende Naht zu machen… Dies
muss mit äußerster Vorsicht und Präzision durchgeführt werden… im Falle einer
fortlaufenden Naht…
Meine Finger
zitterten. Nezumi beobachtete meine Fingerspitzen in Schweigen. Ich war nervös,
aber auch ein wenig aufgeregt. Ich machte die Theorie aus einem Lehrbuch in
Aktion. Es war berauschend.
Die Naht war
fertig. Ich presste ein Stück sauberen Verbandmull auf die Wunde. Eine
Schweißperle lief mir von der Stirn.
„Du bist
intelligent.“
Nezumi’s
Stirn war auch feucht von Schweiß.
„Ich bin
einfach gut mit meinen Händen.“
„Nicht nur
deine Hände. Das Gehirn von dir. Du bist zwölf, nicht wahr? Und du wirst in den
Begabten fördernden hohen Bildungsweg gehen. Du bist Super-Elite.“
Diesmal gab
es keine Spur von Sarkasmus. Auch keine Spur von Ehrfurcht. Ich legte einfach
den verschmutzen Verbandmull und die Instrumente beiseite.
Vor zehn
Jahren bekam ich den höchsten Rang im Intelligenztest der Stadt für 2 Jährige.
Die Stadt bietet allen, die die höchsten Ränge in Geschicklichkeits- oder
athletischen Fähigkeiten besitzen, die beste Ausbildung, die man sich nur
wünschen konnte. Bis zum Alter von zehn Jahren besuchte ich Kurse in einer
Umgebung von modernster Einrichtung unter anderen Klassenkameraden wie ich
selbst. Unter den Augen von erfahrenen Ausbildern bekamen wir eine gründliche
und solide Ausbildung in den Grundlagen, nach denen wir beurteilt wurden,
welches Fachgebiet für uns am besten geeignet war. Von dem Tag an, an dem ich
als Höchstrangiger eingestuft wurde, war meine Zukunft mir versprochen. Es war
unerschütterlich. Keine kleine Truppe könnte es zerbröckeln. Zumindest war es
das, wie es sein sollte.
„Sieht aus
wie ein bequemes Bett.“ Nezumi murmelte, immer noch dagegen gelehnt.
„Du kannst es
benutzen. Aber zieh dich zuerst um.“
Ich
schüttelte ein sauberes Hemd, ein Handtuch und eine Schachtel von Antibiotika
in Nezumi’s Schoß. Und dann beschloss ich aus einer Laune heraus, Kakao zu
machen. Ich hatte genug grundlegende Kochgeräte in meinem Zimmer, um ein oder
zwei warme Getränke zu machen.
„Nicht gerade
in Mode, oder?“ Nezumi schnupperte an dem karierten Hemd.
„Besser als
ein schmutziges Hemd, das Blutdurchtränkt ist, wenn du mich fragst.“
Ich reichte
ihm eine dampfende Tasse Kakao. Zum ersten Mal an diesem Abend, sah ich etwas,
das aussah wie ein Flackern von Gefühlen in seinen grauen Augen. Nezumi nippte
einen Schluck und murmelte – lecker.
„Es ist gut.
Besser als deine Naht.“
„Es ist nicht
fair, das so zu vergleichen. Ich finde, es lief ziemlich gut für meinen ersten
Versuch.“
„Bist du
immer so?“
„Huh?“
„Bist du
immer so offen? Oder ist es normal, das alles, was die hochrangige Elite macht,
null Gefahr bedeutet?“ Nezumi fuhr fort, die Tasse in beiden Händen.
„Ihr Leute
kommt gut klar, ohne das Gefühl von Gefahr oder Angst vor Eindringlingen, huh?“
„Ich fühle
Gefahr. Und Angst auch. Ich habe Angst vor gefährlichen Dingen und ich will
nichts mit ihnen zu tun haben. Ich bin auch nicht naiv genug, um zu glauben,
dass jemand der durch mein Fenster im zweiten Stock kommt, ein angesehener
Bürger ist.“
„Warum dann?“
Er hatte
Recht. Warum? Warum behandle ich die Wunde dieses Eindringlings und gebe ihm
auch noch einen heißen Kakao? Ich war kein kaltblütiges Monster. Aber ich war
auch keiner der aus Mitleid jedem Verletzten einfach die Tür öffnet. Ich war
kein Heiliger. Ich hasste den Umgang mit Ärger und Unstimmigkeiten. Aber ich
ließ diesen Eindringling hinein. Wenn die städtischen Behörden das
herausfänden, würde ich in große Schwierigkeiten geraten. Sie könnten mich als
jemanden ansehen, dem sein gesundes Urteilsvermögen fehlt. Wenn das passiert…
Meine Augen
trafen auf die des Jungen. Ich dachte ich würde einen Hauch von Lachen in ihnen
sehen. Als könnten sie durch mich hindurchsehen, meine Gedanken lesen und mich
anlachen. Ich ballte meinen Bauch und starrte ihn an.
„Wärst du ein
großer, aggressiver Mann, hätte ich längst den Alarm eingeschaltet, genau dann
und dort. Aber du warst klein, sahst aus wie ein Mädchen und warst kurz vor dem
Umkippen. Also… also entschied ich mich dich zu behandeln. Und…“
“Und?”
Und deine
Augen hatten eine seltsame Farbe, die ich nie zuvor gesehen hatte. Und sie
zogen mich an.
„Und… ich
wollte sehen wie es ist eine Wunde zu nähen.“
Nezumi zuckte
mit den Schultern und trank den Rest seines Kakao. Seinen Mund mit der Hand
abwischend, fiel er wie eine Palme auf die Bettwäsche.
„Kann ich
wirklich schlafen gehen?“
„Sicher.“
„Danke.“
Das waren die
ersten Worte der Dankbarkeit, die ich gehört habe, seit dem er in mein Zimmer
gekommen war.
* * *
Mutter saß
auf dem Sofa im Wohnzimmer, versunken in den an der Wand montierten
Flachbildfernseher. Sie bemerkte mich hineinkommen und zeigte auf den
Bildschirm. Eine weibliche Nachrichtensprecherin mit langen, glatten Haaren
sprach eine Warnung an alle Bewohner von Chronos aus.
Ein Sträfling
war aus der Justizvollzugsanstalt im West Block entkommen und wurde zuletzt auf
der Flucht nach Chronos gesehen. In Bezug auf den Hurrikan wurde letzte Nacht
eine Ausgangssperre ausgerufen. Jedem in der Region, mit Ausnahme von
Sonderfällen, war es verboten ihre Häuser zu verlassen.
Nezumis
Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Darunter schwebten die Worte „VC103221“
in roten Buchstaben.
„VC…“
Ich nahm
einen Löffel Kirschtorte in den Mund. Jedes Jahr ohne Ausnahme, machte meine
Mutter mir eine Kirschtorte zum Geburtstag. Das machte sie, weil Vater eine
Kirschtorte nach Hause gebracht hatte, als ich geboren wurde.
Nach dem was
meine Mutter sagte, war mein Vater ein hoffnungsloser Fall, der nach
Geldverschwenden und Frauen süchtig war. Aber vor allem die Flasche – er war
nur einen Schritt davon entfernt ein Alkoholiker zu werden. Eines Tages war er
nach Hause gekommen und hatte in seiner Betrunkenheit Kirschtorten gekauft –
drei von ihnen – die so gut waren, dass meine Mutter sich nicht helfen konnte
aber die Erinnerung an ihren Geschmack jedes Mal am 7. September sie einholten.
Meine Eltern ließen sich zwei Monate nach der Kirschtorte scheiden. So habe ich
leider keinerlei Erinnerung an meinen hoffnungslosen Vater, der kurz davor war
ein Alkoholiker zu werden. Aber es war keine Unannehmlichkeit. Nachdem ich als
Top-Rang eingestuft wurde, bekamen meine Mutter und ich das Recht in Chronos zu
leben, zusammen mit allen Versicherungs- und Lebensbedingungen, einschließlich
diesem bescheidenen, aber gut ausgestattetem Haus. Es gab also keine
Unannehmlichkeiten.
„Ich habe
mich gerade daran erinnert, dass auf dem Hof das Sicherheitssystem noch
ausgeschaltet ist. Es ist kein Problem es auszulassen, oder?“
Mutter erhob
sich langsam. Sie hatte vor kurzem eine Menge Gewicht zugelegt und es schien
wie eine Anstrengung für sie zu sein, sich zu bewegen.
„Es ist so
ein Schmerz im Nacken, das Ding. Sogar wenn eine Katze über den Zaun springt, wird
der Alarm ausgelöst und die Leute von der Security kommen jedes Mal um es zu
überprüfen. Was für ein Aufwand.“
Fast so, als
hätte es etwas mit ihrer Gewichtszunahme zu tun, hatte sie begonnen immer mehr
Dinge „Ein Schmerz im Nacken“ zu nennen.
„Aber schau
ihn an, er ist noch so jung. Ein VC… Ich frage mich was er getan hat.“
VC. Der
V-Chip. Es war kurz für Violence-Chip (Gewalt-Chip) und war ursprünglich ein
Begriff in Amerika für Halbleiter, der für zensierte Fernsehinhalte verwendet
wurde. Mit diesem Chip könnten sie im Fernsehen keine gewalttätigen oder
störenden Szenen anzeigen. Wenn ich mich richtig erinnerte, wurde dieser
Begriff das erste Mal in der 1996 überarbeiteten Fassung des
Telekommunikationsgesetztes genutzt.
Aber in No.6
trug die Bezeichnung VC eine schwere Bedeutung. Täter die Mord, versuchten
Mord, Raub, Körperverletzung, und andere Gewaltverbrechen begangen haben, wurde
dieser Chip in den Körper gepflanzt. Dieser fähige Computer weiß den genauen
Standort, Zustand und auch emotionale Schwankung des Verurteilten. VC war ein
Begriff, den wir für Gewalttäter benutzten.
~ Aber wie
bekam er den Chip raus? ~
Wenn der VC
immer noch in seinem Körper war, konnte seine Position sofort mit dem
Stadt-Tracking-System geortet werden. Es wäre leicht möglich gewesen, ihn zu
verhaften, ohne dass es Bürger merkten. In den Nachrichten die Flucht
öffentlich zu machen, würde nur bedeuten, dass sie nicht in der Lage waren
seinen Standort herauszufinden.
~ Könnte
diese Schusswunde…? Nein, das kann nicht sein. ~
Ich hatte
noch nie zuvor eine Schusswunde an einem Menschen gesehen, aber ich konnte
sagen, dass auf jeden Fall aus einem Abstand heraus geschossen wurde. Hätte er
sich den Chip herausgeschossen, wäre die Wunde viel gravierender gewesen, mit
Entzündungen und allem.
„Ziemlich öde,
nicht wahr? Eine Schande, da es dein besonderer Tag ist.“
Mutter seufzte,
als sie Petersilienflocken in den Eintopf auf dem Tisch streute. „Öde“ war
eines dieser Wörter, die sie in diesen Tagen oft benutze.
Meine Mutter
und ich waren uns sehr ähnlich. Wir waren beide etwas über-sensibel und mochten
Soziales nicht besonders. Die Menschen um uns herum waren nett, so nett, dass
man nichts Schlechtes über sie sagen konnte. Meine Klassenkameraden, die Bürger
um uns herum, waren genial, intelligent und hatten gute Manieren. Niemand erhob
die Stimme, um eine andere Person zu beleidigen oder sie mit Feindseligkeit zu
behandeln. Es gab keine fremden oder verschlagenen Menschen. Jeder hielt seinen
Stand und seine gesunde Lebensweise, da waren plumpe Figuren wie meine Mutter
sogar selten. In dieser friedlichen, stabilen und einheitlichen Welt, in der
jeder gleich aussah, gebrauchte meine Mutter immer häufiger, die Wörter
„Schmerz im Nacken“ oder „öde“ und fing an, die Gegenwart anderer Menschen als
unterdrückend zu empfinden.
Breche es.
Zerstöre es.
Zerstören,
was?
Alles.
Alles?
Der Löffel
rutschte aus meiner Hand und viel klappernd zu Boden.
„Was ist los?
Du warst in Gedanken.“
Mutter
schaute mich neugierig an. Ihr rundes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
„Es ist
selten, Shion, dass du so verträumt bist. Soll ich den Löffel desinfizieren?“
„Oh, nein. Es
ist keine große Sache“, lächelte ich sie an. Mein Herz raste so schnell, dass
es mir schwer viel zu atmen. Ich schluckte das Mineralwasser in einem Zug.
Schusswunden, Blut, VC, graue Augen. Was waren all diese Dinge? Sie hatten bis
jetzt nie in meiner Welt existiert. Welche Bedeutung hatten sie, dass sie so
plötzlich in meinem Leben auftauchten?
Ich hatte
eine flüchtige Ahnung. Ein Gefühl, dass eine große Veränderung kam. Genau wie
ein Virus, das in eine Zelle eindringt und diese mutieren lässt oder zerstört,
hatte ich das Gefühl, dass dieser Betrüger die Welt in der ich lebte stören und
völlig zerstören wird.
„Shion?
Wirklich, was ist in dich gefahren?“
Mutter
schaute mir mit einem besorgten Gesichtsausdruck wieder ins Gesicht.
„Tut mir
leid, Mama. Dieser Bericht stört mich. Ich werde in meinem Zimmer essen“, log
ich und stand auf.
„Mach das
Licht nicht an“, befahl mir eine leise Stimme, als ich den Raum betrat.
Ich mochte
die Dunkelheit nicht, deswegen ließ ich normalerweise immer das Licht an. Aber
jetzt war es stockdunkel.
„Ich kann
nichts sehen.“
„Das brauchst
du auch nicht.“
Aber wenn ich
nicht sehen konnte, konnte ich mich nicht bewegen. Ich stand hilflos da, mit
dem Eintopf und dem Stück Kirschtorte in meinen Händen.
„Etwas riecht
gut.“
„Ich habe
Eintopf und Kirschtorte.“
Ich hörte
einen Pfiff der Wertschätzung in der Dunkelheit.
„Willst du?“
„Natürlich.“
„Du wirst es
in der Dunkelheit essen?“
„Natürlich.“
Ich setzte
vorsichtig einen Fuß nach vorn. Ich konnte ein ruhiges Kichern hören.
„Kannst du
nicht mal den Weg in dein eigenes Zimmer finden?“
„Ich war noch
nie nachtsichtig, danke. Siehst du im Dunkeln?“
„Ich bin eine
Ratte. Natürlich tu ich das.“
„VC 103221.“
In der
Dunkelheit konnte ich spüren, wie Nezumi erstarrte.
„Du warst
überall in den Nachrichten. Berühmt.“
„Hah. Sehe
ich nicht besser im wirklichen Leben aus? Hey, der Kuchen ist echt gut.“
Meine Augen
gewöhnten sich an die Dunkelheit. Ich saß auf dem Bett und schielte zu Nezumi.
„Kannst du
sicher hier weg?“
„Natürlich.“
„Was hast du
mit dem Chip gemacht?“
„Er ist immer
noch in mir.“
„Soll ich ihn
herausholen?“
„Chirurgie wieder?
Nein, danke.“
„Aber…“
„Es spielt
keine Rolle. Das Ding ist jetzt sowieso nutzlos.“
„Was meinst
du damit?“
„Der VC ist
nur ein Spielzeug. Deaktiviert ist er wie ein Stück Kuchen.“
„Spielzeug,
huh.“
„Jap, ein
Spielzeug. Und lass mich dir etwas sagen, diese Stadt ist auch wie ein
Spielzeug. Ein billiges Spielzeug, das ziemlich auf der Außenseite ist."
Nezumi hatte
den Eintopf und den Kuchen schon verschlungen. Er stieß einen Seufzer des
Sättigungsgefühls aus.
„So, du bist
also sicher zu entkommen, wenn die Stadt auf Höchstalarm ist?“
„Natürlich.“
„Aber es gibt
einen strengen Sicherheits-Check für Unbefugte, die nicht registriert sind. Es
gibt ein ganzes System für solche Leute in diesem Stadtteil.“
„Glaubst du?
Diese Stadt ist nicht so perfekt wie du denkst. Sie ist voller Löcher.“
„Wie kannst
du so etwas sagen?“
„Weil ich
nicht Teil des Systems bin. Ihr seid alle darauf programmiert zu glauben, dass
dieser löchrige falsche Müll die perfekte Utopie ist. Oder, nein, das ist das,
was ihr glauben wollt.“
„Ich weiß
nicht.“
„Huh?“
„Ich glaube
nicht, dass dieser Ort perfekt ist.“
Die Worte
fielen aus meinem Mund. Nezumi verstummte. Vor mir gab es nur eine Fläche aus
Dunkelheit. Ich konnte seine Präsenz einfach nicht spüren. Er hatte Recht, er war
eine Ratte. Ein nächtliches Nagetier, verborgen in der Dunkelheit.
„Du bist
seltsam“, sagte er leise, sogar leiser als zuvor.
„Wirklich?“
„Bist du. Das
ist nicht etwas, das ein Super-Elite sagen sollte. Bist du nicht in
Schwierigkeiten, wenn die Behörden das herausfinden?“
„Ja. In
großen Schwierigkeiten.“
„Du hast
einen VC aufgenommen und es nicht dem Präsidium gemeldet… Wenn sie das
herausfinden, bist du in noch größeren Schwierigkeiten. Sie werden nicht
einfach von dir ablassen.“
„Ich weiß.“
Nezumi packte
plötzlich meinen Arm. Seine Finger gruben sich in mein Fleisch.
„Glaubst du
wirklich? Ich meine, es ist nicht mein Problem, was mit dir geschieht, aber
wenn dir etwas wegen mir geschehen würde, würde mir das nicht gefallen. Ich
hätte das Gefühl, ich hätte etwas Schreckliches getan…“
„Das ist
rücksichtsvoll von dir.“
„Mama hat mir
immer gesagt, ‚mach anderen Leuten keine Schwierigkeiten‘“, sagte er leichthin.
„Dann wirst
du gehen?“
„Nein. Ich
bin müde und da draußen tobt ein Orkan. Außerdem habe ich endlich ein Bett. Ich
werde hier schlafen.“
„Mach es dir
gemütlich.“
„Papa hat mir
immer gesagt, meine öffentlichen Manieren von meinen persönlichen Gefühlen zu
trennen.“
„Klingt wie
ein großartiger Vater.“
Seine Finger
zogen sich aus meinem Arm.
„Ich glaube
ich hatte Glück, dass du seltsam warst“, sagte Nezumi leicht.
„Nezumi?“
„Hm?“
„Wie bist du
zu Chronos gekommen?“
„Sag ich
nicht.“
„Bist du aus
der Justizvollzugsanstalt ausgebrochen und in die Stadt? Ist das überhaupt
möglich?“
„Natürlich
ist es möglich. Aber ich bin nicht allein nach No.6 gekommen. Jemand hat mich
rein gelassen. Nicht, dass ich hierher kommen wollte.“
„Dich
reingelassen?“
„Jap. Ich
wurde eskortiert, könnte man sagen.“
„Begleitet?
Von der Polizei? Wohin?“
Die Justizvollzugsanstalt
war im West Block, eine Hochsicherheitszone. Wer No.6 von dort aus betreten
wollte, musste die Genehmigung vom Präsidium bekommen. Diejenigen, die
spezielle Einreisegenehmigungen hatten, waren frei ein und aus zugehen, aber
neue Bewerber, wie ich gehört hatte, mussten einen Monat darauf warten damit
ihre Bewerbung überhaupt akzeptiert wird – und meist wurden weniger als 10
Prozent zugelassen. Die Anzahl der Tage, die die Bewerber in der Stadt bleiben
durften, wurden auch stark eingeschränkt. Natürlich begannen die Menschen im
West Block sich anzusammeln. Immer mehr Menschen warteten darauf, dass ihre
Genehmigungen bearbeitet werden sollen und Unterkünfte und Gastronomiebetriebe
säumten die Straßen. Noch mehr Menschen strömten ein um zu arbeiten oder
Geschäfte zu machen. Ich war zwar noch nie im West Block gewesen, doch ich
hatte gehört, dass es ein sehr lebendiger Ort ist. Die Kriminalität dort ist
hoch. Die Mehrzahl der VC die die Justizvollzugsanstalt füllen sind die
Bewohner des West Blocks. Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr bis
lebenslänglich werden basierend auf Alter, Vorstrafen und Grad der Gewalt des
Verbrechens gegeben. Es gibt keine Todesstrafe. Der West Block diente als eine
Art Festung, die alle Menschen und Dinge, die Gewalt verursachen, dort
gesichert werden und verhindert, dass diese in die Stadt gelangen. So für einen
VC, der von dort in die Stadtmauern eskortiert wird – wohin wollten sie? Und
aus welchem Grund?
Nezumi kroch
ins Bett.
„Wahrscheinlich
das Moondrop.“
„City Hall!“,
rief ich aus. „Das Zentrum der Stadt? Warum?“
„Sag ich
nicht. Das solltest du besser sowieso nicht wissen.“
„Warum
nicht?“
„Ich bin
müde. Lass mich schlafen.“
„Ist es
etwas, das du mir nicht erzählen kannst?“
„Kannst du
garantieren, es zu vergessen, sobald du es gehört hast? So zu tun als hättest
du es nicht gehört? Glatt zu lügen, dass du es nicht weißt? Du bist vielleicht
klug, aber du bist kein Erwachsener. Du kannst nicht so gut lügen wie die.“
„Ja
vielleicht, aber…“
„Also frag
mich das nicht an erster Stelle. Im Gegenzug werde ich es auch niemandem
sagen.“
„Huh? Über
was?“
„Über das,
wie du aus dem Fenster geschrien hast.“
Er hatte mich
gesehen. Ich konnte sehen, wie mein Gesicht vor Scham brannte.
„Es
überraschte mich völlig unvorbereitet. Ich schlich in deinen Garten und fragte
mich, was ich als nächstes tun sollte und plötzlich öffnete sich das Fenster
und du hast dein Gesicht rausgesteckt.“
„Hey, warte
eine Minute…“
„Ich
beobachtete was du als nächstes tun würdest, und dann fingst du an zu schreien.
Ich glaube ich habe noch niemanden gesehen, der mit so einem Gesicht schreit,
wie...“
„Halt die
Klappe!“
Ich stürzte
mich auf Nezumi, doch alles was ich fühlte, war das Kissen als ich auf es drauf
viel. Im Nu war Nezumi auf. Er glitt eine Hand unter meinen Arm und mit einer
schnellen Drehung war ich mühelos umgedreht auf meinem Rücken. Nezumi kletterte
über mich und hielt meine beiden Arme mit einer Hand fest. Seine Beine
spreizten meine Hüfte und drückten sie hart auf das Bett. Für einen Augenblick
fühlte ein Kribbeln, ein Taubheitsgefühl von meinen Beinen bis hinunter zu
meinen Zehen. Es war beeindruckend. In einem Bruchteil einer Sekunde wurde ich
gefangen, unbeweglich und an mein eigenes Bett gefesselt. Mit seiner freien
Hand drehte Nezumi den Suppenlöffel um. Er drückte die Klinke gegen meinen Hals
und glitt damit leicht darüber. Er duckte sich, sodass seine Lippen an meinem
Ohr waren.
„Wenn das ein
Messer wäre“, flüsterte er, „wärst du tot.“
Ein Muskel in
meiner Kehle zuckte. Beeindruckend.
„Das ist
erstaunlich. Gibt es einen Trick, um das zu tun?“
„Huh?“
„Wie kannst
du jemanden so leicht unbeweglich machen? Gibt es spezielle Nervenzellen,
Punkte, die du drücken musst, oder so was?“
Die Kraft,
die mich hinunterdrückte, entspannte. Nezumi sank auf mich, zitternd – er
lachte.
„Ich kann das
nicht glauben. Du bist komisch“, keuchte er.
Ich umkreiste
meine Arme um Nezumi und steckte meine Hände über den Rücken seines Hemdes. Es
war heiß. Seine brennende Haut war feucht von Schweiß.
„Ich wusste
es… du bekommst ein Fieber. Du solltest Antibiotika zu dir nehmen.“
„Mir geht es
gut… ich will einfach nur schlafen.“
„Wenn wir
dein Fieber nicht runter bringen, wirst du sogar noch schwächer. Du bist
richtig heiß.“
„Du bist auch
ziemlich warm.“
Nezumi gab
einen tiefen Seufzer von sich und murmelte geistesabwesend.
„Lebende
Menschen sind warm.“
Er wurde
still und nicht lange danach, konnte ich seine ruhige, regelmäßige Atmung
hören. Mit seinem fiebrigen Körper in meinen Armen, sank ich ohne es zu wissen,
in den Schlaf.
:D
AntwortenLöschenVielen - vielen - vielen Dank für´s Übersetzen *____*
Ehrlich! - ich hab mich extremst gefreut als ich gesehen hab, das jmd. den No.6 Novel übersezt <3
Machst du auch noch den Rest?
und sorry für die nervige Frage ^^"
Hast du aber toll gemacht :D
yoko~
P.S. ich kenn den englischen Novel nicht. Aber da steht doch bestimmt bei diesem Satz auf englisch: „Ich sehe… überarbeite dich nicht. Komm später zum Abendessen nach unten.“
"I see... [...]" - nicht wahr? wird das dann nicht ehr mit "ich verstehe...[...]" übersetzt? also statt "Ich sehe... [...]"
mh? - genau kann ich das nicht sagen.. bin selber miserabel in englisch xD
danke nochmal für alles :3
Hey :)
AntwortenLöschendanke für deinen lieben Kommentar!
Ich denk ich mach den Rest noch, also ja :D
Ist doch keine nervige Frage!
Dankeschön!!
Oh stimmt :) hast Recht! Die Übersetzung ist schon ziemlich alt... ich schau mal ob ich noch Mal drüber schau! Danke! Besser ich gleich aus ;)
Immer wieder gerne :D
LöschenIch hab mich einfach auch sp dolle darüber gefreut, dass jmd. die Novels übersetzt!
(Wo gibts die eingelich auf englisch? - Also kann ich mir die auf englisch als Bücherkaufen? Bei Amazon oder so o.O ???)
yay~ Vielen lieben Dank *___*
Mich als treue Leserin hast du schon ;)
^^ Wenn mir was auffällt sag ich dir bescheid :D Außerdem kann das jedem mal passieren xD
yoko~
:D
LöschenOffiziel gibt's die leider nicht auf Englisch :( also keine Bücher oder so. http://9th-ave.blogspot.de/p/no-6.html
Von da übersetz ich sie immer :) total gute Übersetzung!! Aber bitte vergleich jetzt meine Übersetzung nicht mit der xD weil dann würdest du noch mehr Fehler finden :x
Dankeschön :D freut mich, dich als Leserin zu haben!! :)
Okay gut! Danke dass du bescheid sagst! Ich möcht ja selbst meine Fehler verbessern :)
LG Karina
Ich finde es super mega hyper duper awesome von dir dass du die Novels übersetzt, ich hoffe inständig du brichst nicht ab! Ich liebe No.6 soooo sehr~ <3 <3
AntwortenLöschenDanke danke danke danke danke!!Dass du die Novels übersetzt *dich mit allem Guten überhäuf*
Ich freu mich total >w< Immer weiter so *Q*
LG Saphira
Hey :)
AntwortenLöschenIch liebe No.6 auch sehr!! Nur schade, dass kein Verlag sich die Mühe macht, die Novels bzw. die Mangas zu übersetzen :l
Dankeschön :D
LG Karina
Schande über mich, das ich sowas erst... ca. ein halbes Jahr 'zu spät' bemerke <.<
AntwortenLöschenIch find es echt toll, dass du das übersetz hat und ich hoffe, dass es noch mehr Übersetzungen geben wird *___*