Donnerstag, 13. September 2012

Kapitel 1


Nezumi, Klatschnass

Nezumi war in einem Tunnel. In der Dunkelheit zog er einen ruhigen Atemzug. Die Luft roch noch leicht nach feuchtem Schmutz. Er setzte seinen Weg vorsichtig fort. Der Tunnel war klein. Gerade mal groß genug für Nezumi, um sich durchzuquetschen. Und es war dunkel. Kein Licht war zu sehen. Doch Nezumi fühlte sich wohl. Er mochte enge und dunkle Orte. An diese Orte konnten keine großen Lebewesen gelangen, um ihn einzufangen. Ein Moment voller Ruhe und Erleichterung. Ein dumpfer Schmerz kam aus der Wunde in seiner Schulter. Doch es machte ihm nichts aus. Das Problem bestand vielmehr darin, dass er eine Menge Blut verloren hatte. Die Wunde war nicht tief, nur eine gestreifte Schusswunde. Sie sollte bereits gerinnen, doch die Wunde war noch… Sie war immer noch schleimig und warm. Die Wunde blutete immer noch.

~ Sie hatten die Kugel mit Antikoagulantien beschichtet. ~

Nezumi biss sich auf die Lippe. Er brauchte etwas, um die Blutung zu stoppen. Thrombin oder Aluminiumsalz. Nein, nicht mal das. Zumindest sauberes Wasser, damit er seine Wunde säubern konnte.

Seine Beine knickten ein. Schwindel überkam ihn.

~ Nicht gut. ~

Vielleicht Ohnmacht aus Mangel an Blut. Falls ja, wäre das schlecht. Er wäre nicht mehr in der Lage sich zu bewegen.

~ Aber vielleicht hätte ich nichts dagegen. ~

Er hörte eine Stimme in seinem Inneren.
Vielleicht wäre es nicht so schlimm zu entspannen, unfähig sich zu bewegen, eingehüllt in feuchte Dunkelheit. Er würde in den Schlaf fallen, ein langer Schlaf – und friedlicher Tod. Es würde nicht schmerzen. Vielleicht würde es sich ein wenig kalt anfühlen.

Nein, das wäre zu leicht. Sein Blutdruck würde fallen, er hätte Schwierigkeiten beim Atmen, seine Glieder wären gelähmt… Natürlich würde es nicht schmerzlos sein.

~ Ich will schlafen. ~

Er war müde. Ihm war kalt. Es schmerzte. Er war nicht in der Lage sich zu bewegen. Er musste nur noch eine Weile durchhalten, sagte er zu sich selbst. Bleib ruhig. Es mag Leute geben, die ihn verfolgen, doch keinen, der ihn retten würde. Dann sollte er einfach ein Ende in sein Leben setzten. Einfach schlafen gehen. Einfach aufgeben.

Seine Füße liefen weiter. Seine Hände glitten an der Wand entlang. Nezumi gab sich ein gezwungenes Lächeln. Seine Stimme sagte ihm, er solle aufgeben, doch sein Körper trug ihn hartnäckig weiter. Wie mühsam alles war.


~ Eine Stunde bleibt mir noch. Nein, 30 Minuten. ~

30 Minuten waren sein Limit. In dieser Zeit hatte er seine Blutung zu stoppen und einen Platz zu finden, um sich auszuruhen. Harten Anforderungen, um am Leben zu bleiben.

Eine Bewegung durchfuhr die Luft. Die Dunkelheit vor ihm wurde allmählich heller. Jeden Schritt setzte er sorgfältig. Er kam aus seinem engen und dunklen Seitentunnel zu einem breiteren Bereich, der von weißen Betonmauern umgeben war. Nezumi wusste, dass dies ein Abwasserkanal war, der vor 10 Jahren genutzt wurde, am Ende des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zum Boden über ihm, wurden die unterirdischen Anlagen von No. 6 nicht sehr gut gepflegt. Vieles davon war in dem gleichen Zustand verlassen worden, wie es im letzten Jahrhundert war. Dieser Abwasserkanal war nur einer von diesen, die verlassen und vergessen wurden. Nezumi hätte um kein besseres Umfeld bitten können. Er schloss die Augen und ging noch einmal im Kopf die Karte von No. 6 durch, die er aus dem Computer extrahiert hatte.

Es bestand eine gute Chance, dass dies der verlassene Weg K0210 war. Wenn ja, dann sollte er in der Nähe des reichen Wohngebietes Chronos sein. Natürlich könnte der Weg auch genauso gut in eine Sackgasse führen. Aber wenn er sich entschlossen hatte zu leben, gab es nur diesen Weg vorwärts. Nezumi hatte in seinem gegenwärtigen Zustand weder die Wahl eine Entscheidung zu treffen, noch Zeit um nachzudenken.

Die Luft veränderte sich. Es war nicht die abgestandene Feuchtigkeit von vorher, sondern die von frischer Luft. Er erinnerte sich daran, dass es oben in Strömen regnete. Diese Passage war auf jeden Fall mit der oberen Welt verbunden.

Nezumi atmete ein und roch den Duft des Regens.

* * *

Der 7. September 2013 war mein 12. Geburtstag. An diesem Tag machte sich ein Hurrikan, der sich vor einer Woche aus dem südwestlichen Bereich des Nord-Pazifiks entwickelt hatte, auf den Weg nach Norden, gewann an Stärke bis er bei uns direkt in der Stadt No. 6 eintraf.

Es war das beste Geschenk das ich jemals bekommen hatte. Ich war voller Aufregung. Es war erst nach vier, doch es wurde schon dunkel. Die Bäume neigten sich wie Blätter im Wind und kleine Äste wurden abgerissen. Ich liebte die lärmenden Geräusche, die sie machten. Es war das glatte Gegenteil der üblichen, stillen Atmosphäre dieses Viertels.

Meine Mutter liebte kleine Bäume und Blumen und durch ihre Begeisterung für den Anbau von Mandel-, Kamelien und Ahornbäume war unser Hof voll damit. Aber Dank dessen, war der Lärm heute ganz anders als alle anderen. Jeder Baum machte ein anderes Geräusch. Hin und her gerissene Blätter und Zweige schlugen gegen das Fenster. Immer wieder brachen Windböen dagegen.

Ich hatte den Drang das Fenster zu öffnen. Selbst starke Winde waren nicht in der Lage das bruchsichere Glas zu knacken und in diesem Atmosphäre kontrollierendem Raum die stabile Temperatur und Feuchtigkeit zu verändern. Deshalb wollte ich das Fenster öffnen. Es öffnen und die Luft, den Wind und den Regen hereinbringen, ein Wechsel vom Üblichen.

„Shion“, rief die Stimme meiner Mutter aus der Sprechanlage. „Ich hoffe du hast nicht vor das Fenster zu öffnen.“

„Nein, hab ich nicht.“

„Gut… hast du schon gehört? Die tiefer gelegenen Ländereien des West-Blocks sind überschwemmt. Schrecklich, nicht wahr?“

Sie klang nicht danach, dass sie sich schrecklich fühlte.

Außerhalb von No. 6 wurde das Land in vier Blöcke unterteilt. Ost, West, Nord und Süd. Das meiste im Süden und Osten waren Ackerland oder Weiden. Sie sorgten für 60% aller pflanzlichen Lebensmittel und 50% tierischer Lebensmittel. Im Norden gab es eine Fläche von Laubwäldern und Bergen, unter vollständiger Erhaltung durch das ‚Central Administration Komitee’.

Ohne die Erlaubnis des Komitees, konnte keiner in diesen Bereich. Nicht dass jemand in die Wildnis wollte, die vollkommen unbewohnt war.

In der Mitte der Stadt gab es einen riesigen Waldpark, der eine Fläche von über 1/6 der Gesamtfläche der Stadt hatte. In ihm konnte man die jahreszeitlichen Veränderungen miterleben und die Interaktionen von hunderten von Arten kleiner Insekten beobachten, die dort lebten.

Eine große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger war zufrieden mit der Tierwelt im Park. Ich mochte den Park nicht sehr. Vor allem mochte ich die Stadthalle nicht, die in der Mitte des Parks stand. Sie ging 5 Stöcke unter die Erde und war 10 Stöcke hoch gebaut, außerdem wurde sie wie eine Kuppel geformt. No. 6 hatte keine Wolkenkratzer, deshalb war dieses Gebäude sehr auffällig. Dennoch gab es einem ein komisches Gefühl. Einige Leute nannten es ‚The Moondrop’, wegen seiner runden, weißen Gestalt, doch ich fand, es glich eher einem Pickel auf der Haut. Ein Pickel, der im Stadtzentrum aus der Erde kam. Es war umgeben vom Stadtkrankenhaus und dem Sicherheitsgebäude, mit denen es durch Bahnen verbunden war, die wie Gasleitungen aussahen. Die Umgebung war Wald. Der Waldpark, ein Ort der Ruhe und Erholung für gute Bürger. Alle Pflanzen und Tiere die hier lebten, wurden streng überwacht. Und alle Blumen, Früchte und kleine Tiere der einzelnen Bereiche wurden in jeder Saison sorgfältig aufgezeichnet.

Bürger konnten durch das Stadt Service-System herausfinden, zu welcher Zeit und an welchem Ort die beste Gelegenheit war, um die Natur zu beobachten. Perfektionierte und vollkommene Natur. Aber auch er würde an einem Tag wie diesem wüten, schließlich ist er ein Hurrikan.

Ein Zweig mit noch grünen Blättern schlug gegen das Fenster. Ein Windstoß folgte und dessen Getöse hallte für einige Zeit. Zumindest dachte ich, ich hörte es schwingen. Das schalldichte Glas trennte mich von jedem Lärm von draußen. Ich wollte das Fenster aus dem Weg haben. Ich wollte hören und fühlen, wie der Wind tobte. Fast ohne nachzudenken riss ich das Fenster auf. Der Wind und der Regen wehten herein. Der Wind rumorte, als käme er aus den Tiefen der Erde. Es war ein Rumoren, das ich eine lange Zeit nicht zu hören bekommen hatte. Auch ich hob meine Hände zum Himmel und stieß einen Schrei aus. Es würde sich im Wind zerstreuen und würde niemandes Ohren erreichen. Immer noch schrie ich, ohne Bedeutung. Regentropfen fielen in meine Kehle. Ich wusste, dass es kindisch war, doch ich konnte nicht aufhören. Der Regen wurde stärker. Wie aufregend es wäre, meine gesamte Kleidung auszuziehen und in den Regen zu stürmen. Ich versuchte mich mir nackt vorzustellen, wie ich in dem reißenden Sturm herum rannte. Ich würde definitiv für verrückt erklärt werden. Aber es war eine unwiderstehliche Versuchung. Ein weiteres Mal öffnete ich meinen Mund und schluckte die herab fallenden Tropfen. Ich wollte diesen seltsamen Impuls unterdrücken. Ich hatte Angst, vor dem, was in mir lauerte. Manchmal finde ich, dass ich von einem wilden Tumult von Gefühlen überwältigt bin.


Breche es.

Zerstöre es.

Zerstören, was?

Alles.

Alles?


Es ertönte ein mechanisches Warnsignal. Es warnte mich, dass die atmosphärischen Bedingungen im Zimmer sich verschlechterten. Schließlich würde das Fenster von automatisch schließen. Entfeuchtung und Temperierung würden beginnen und alles Nasse im Raum, mich mit eingeschlossen, trocknen. Ich wischte mir mein nasses Gesicht am Vorhang ab und machte mich auf den Weg zur Tür, um die Luftsteuerung auszuschalten.

Was wäre, wenn ich in diesem Moment auf das Warnsignal gehört hätte? Manchmal frage ich mich das immer noch. Wenn ich das Fenster geschlossen hätte und beschlossen hätte in dem ausreichend trockenem Komfort meines Zimmers zu bleiben, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Es hatte nichts mit bereuen zu tun, nichts dergleichen. Es war nur ein eigenartiger Gedanke. Die eine Sache, die mein ganzes Leben verändert hat, passierte durch diesen kleinen Zufall – dass ich am 7. September 2013, einem stürmischen Tag, das Fenster geöffnet habe. Es war ein sehr eigenartiger Gedanke.

Und obwohl ich an keinen bestimmten Gott glaube, gibt es Zeiten, an denen ich der festen Überzeugung bin, dass der Begriff ‚Göttliche Hand’ der Wahrheit entspricht.

Ich machte den Schalter aus. Der warnende Ton stoppte. Eine plötzliche Stille senkte sich über den Raum.

Heh.

Ich hörte ein leises Lachen hinter mir. Instinktiv wirbelte ich herum und gab einen leisen Schrei von mir. Dort stand ein Junge, völlig durchnässt. Es dauerte eine Weile, bis ich realisiert hatte, dass er ein Junge war. Er hatte schulterlanges Haar, das sein schmales Gesicht fast versteckte. Sein Hals und seine Arme, die aus dem kurzärmligen Hemd ragten, waren dünn. Ich konnte nicht sagen, ob er ein Junge oder ein Mädchen war oder ob er jünger oder älter war, als er aussah. Meine Augen und meine Gedanken waren zu sehr auf seine linke Schulter fixiert, die rot gefärbt war, um an etwas anderes zu denken.

Es war die Farbe von Blut. Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der so stark blutete, wie er es tat. Instinktiv streckte ich meine Hand nach ihm aus. Plötzlich fühlte ich einen starken Einfluss auf mich wirken und kaum dass ich es bemerkte, wurde ich mit starker Kraft gegen die Wand gedrückt. Ich spürte ein eisiges Gefühl auf meinem Hals. Es waren Finger, fünf von ihnen, die sich um meinen Hals schlossen.

* * *

„Nicht bewegen“, sagte er.

Er war kleiner als ich. Von unten gewürgt, versuchte ich einen Blick auf seine Augen zu bekommen. Sie hatten ein dunkles, doch gleichzeitig helles Grau. Ich hatte noch nie zu vor solch eine Farbe gesehen. Seine Finger verkrampften. Er sah nicht sehr stark aus, dennoch war ich nicht in der Lage mich zu bewegen. Es war nicht etwas, das ein normaler Mensch tun konnte.

„Ich sehe“, konnte ich nach Luft schnappen. „Du bist darin geübt so etwas zu tun.“

Das Paar grauer Augen blinzelte nicht. Ihr Blick war immer noch fest, sie wurden ruhiger, wie die sanfte Oberfläche des Ozeans und ich konnte keine Farbe der Bedrohung, Angst oder mörderischen Absichten an ihnen erkennen. Es waren ruhige Augen. Ich konnte fühlen, wie meine eigene Panik verflog.

„Ich werde deine Wunde behandeln“, sagte ich und leckte dabei meine Lippen. „Du bist verletzt, nicht wahr? Ich werde es behandeln.“

Ich konnte sehen, wie ich mich in den Augen des Eindringlings widerspiegelte. Für einen Moment dachte ich, ich würde von ihnen eingesogen werden. Ich wendete meinen Blick ab, sah auf den Boden und wiederholte:

„Ich werde die Wunde behandeln. Die Blutung muss gestoppt werden. Du verstehst was ich sage, nicht wahr?“

Der Griff um meinen Hals löste sich leicht.

„Shion.“

Die Stimme meiner Mutter ertönte aus der Sprechanlage. „Du hast das Fenster geöffnet, richtig?“

Ich holte tief Luft. Ich fühlte mich gut. Es war in Ordnung, beruhigte ich mich. Ich konnte mit normaler Stimme sprechen.

„Das Fenster? … Oh, ja, es ist offen.“

„Du wirst dir eine Erkältung einfangen, wenn du es nicht schließt.“

„Ich weiß.“

Ich konnte hören, wie meine Mutter am anderen Ende der Leitung lachte.

„Du bist heute 12 geworden und benimmst dich trotzdem noch wie ein kleiner Junge.“

„Okay, ich hab verstanden… Oh, Mama?“

„Was?“

„Ich muss noch einen Bericht schreiben. Kannst du mich für eine Weile allein lassen?“

„Einen Bericht? Dein hoher Bildungsweg hat doch gerade erst begonnen?“

„Huh? Oh, … na ja, ich habe eine Menge Aufgaben zu erledigen.“

„Ich verstehe… überarbeite dich nicht. Komm später zum Abendessen nach unten.“

Die kalten Finger zogen sich von meiner Kehle zurück. Mein Körper war frei. Ich streckte meine Hand aus, um die Luft-Steuerung neu zu starten. Ich wollte sicher gehen, dass das Sicherheitssystem ausgeschaltet war. Hätte ich dies nicht getan, wäre dem Sicherheitssystem der Eindringling aufgefallen und der Alarm hätte von Neuem begonnen. Wenn die Person als Bürger von No.6 erkannt werden würde, würde dies nicht passieren, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Eindringling eine Staatsbürgerschaft hat.

Das Fenster schloss sich und die warme Luft begann im Raum zu zirkulieren. Der Eindringling mit grauen Augen lehnte sich halb zusammengebrochen in der Hocke gegen das Bett. Er stieß einen langen, tiefen Atemzug aus. Er war erheblich geschwächt. Ich holte den Notfallkoffer. Zuerst maß ich seinen Puls, dann zeriss ich das Hemd und begann die Wunde zu reinigen.

„Das…“

Ich konnte nicht helfen, nur starren. Ich war nicht vertraut mit dieser Art von Verletzung. Es war eine Mulde in seiner Schulter.

„Eine Schusswunde?“

„Ja“, es war eine lässige Antwort. „Es hat mich verfehlt. Was ist eure Bezeichnung für diese Wunde?“

„Ich bin kein Spezialist. Ich bin noch Schüler.“

„Vom hohen Bildungsweg?“

„Ab nächstem Monat.“

„Wow. Hoher IQ, huh?“

Es war ein Hauch Sarkasmus in seiner Stimme. Ich hob meinen Blick von seiner Wunde und sah ihm in die Augen.

„Machst du dich über mich lustig?“

„Mich über dich lustig machen? Wenn du mich behandelst? Niemals. Also, was ist deine Spezialisierung?“

Ich sagte ihm, dass ich auf Ökologie spezialisiert bin. Ich hatte gerade erst die Erlaubnis bekommen im hohen Bildungsweg zu studieren. Ökologie. Es hatte am wenigstens damit zu tun, wie man eine Schusswunde behandelt. Meine erste Erfahrung. Es war ein wenig aufregend. Mal sehen, was muss ich als erstes tun? Desinfizieren, Kleidung… oh ja, ich musste die Blutung stoppen.

„Was machst du da?“

Er starrte mich an, als ich eine Spritze in die Hand nahm, und schluckte.

„Örtliche Betäubung. Also, los geht’s.“

„Warte, warte eine Minute. Du wirst es betäuben und dann?“

„Nähen.“

Angeblich hatte ich dies mit einem Grinsen im Gesicht gesagt, so dass es aussah, als könnte ich mich nicht mehr als in diesem Moment freuen. Es war etwas, dass ich erst viel später herausfand.

„Es zu nähen! Geht es noch primitiver als das?“

„Das ist kein Krankenhaus. Ich habe keine speziellen Sachen da und außerdem ist eine Schusswunde an sich schon ziemlich primitiv.“

Die Kriminalitätsrate lag in dieser Stadt schon fast bei Null. Die Stadt war sicher und keiner der Bürger hatte es nötig, eine Waffe bei sich zu tragen. Wenn sie es taten, dann nur um auf die Jagd zu gehen. Zwei Mal im Jahr wurden die Regeln für die Jagdsaison aufgehoben. Mit Schusswaffen über ihre Schultern gehängt, wagten Hobbyjäger sich in das nördliche Gebirge. Mutter mochte sie nicht. Sie sagte sie könnte nicht verstehen, wie jemand Tiere zum Spaß töten konnte und sie war nicht die Einzige die so dachte. In Volkszählungen beschwerten sich 70% der Bürger über die Jagd, die als Form des Sports zählte. Das Töten armer, unschuldiger Tiere. Wie gewalttätig, wie grausam…

Aber die blutende Gestalt vor mir, war kein Fuchs oder Reh, sondern ein Mensch.

„Ich kann es nicht glauben…“, murmelte ich vor mich hin.

„Was glauben?“

„Dass es Menschen gibt, die auf andere Menschen schießen… es sei denn… sag mir nicht du wurdest aus Versehen von jemandem aus der Jagdgesellschaft angeschossen?“

Seine Lippen kräuselten sich. Er lächelte.

„Jagdgesellschaft, huh. Nun, ich denke so kann man sie nennen. Doch ich wurde nicht aus Versehen angeschossen.“

„Sie wussten, dass sie auf einen Menschen schießen? Das ist gegen das Gesetz.“

„Ist es das? Statt eines Fuchses jagten sie zufällig einen Menschen. Eine Menschenjagd. Ich glaube nicht, dass das gegen das Gesetz ist.“

„Was meinst du damit?“

„Dass es Jäger gibt und die Gejagten.“

„Ich verstehe nicht, über was du redest.“

„Das dachte ich schon. Du brauchst es nicht zu verstehen. So, meinst du es wirklich ernst mir eine Spritze zu geben? Hast du nicht ein Betäubungsspray oder so etwas?“

„Ich wollte schon immer mal versuchen, jemandem eine Spritze zu geben.“

Ich desinfizierte die Wunde und betäubte sie mit drei Injektionen an drei verschiedenen Stellen rund herum. Meine Hände zitterten ein wenig von der Aufregung, aber es verlief reibungslos.

„Es sollte bald anfangen taub zu werden und dann...“

„Wirst du es nähen.“

„Genau.“

„Hast du irgendwelche Erfahrungen?“

„Natürlich nicht. Ich werde nicht in die Medizin gehen. Aber ich habe Grundkenntnisse in Sachen Nähen. Ich habe darüber ein Video geschaut.“

„Grundkenntnisse, huh…“

Er holte tief Luft und sah mir direkt ins Gesicht. Er hatte dünne, blutleere Lippen, hohle Wangen und blasse, ausgetrocknete Haut. Sein Gesicht war wie von jemandem, der kein menschenwürdiges Leben geführt hatte. Er sah wirklich aus wie ein Beutetier, das schonungslos gejagt wurde, völlig erschöpft war und keinen Platz übrig hatte, an den es flüchten konnte. Aber seine Augen waren anders. Sie waren emotionslos, doch ich konnte eine erbitterte Kraft von ihnen ausgehend spüren. War es Vitalität? Ich hatte noch nie jemanden in meinem Leben getroffen, dessen Augen so unvergesslich waren wie jene. Und diese Augen starrten mich unverwandt an.

„Du bist seltsam.“

„Warum würdest du so etwas sagen?“

„Du hast nicht einmal nach meinem Namen gefragt.“

„Oh, stimmt. Aber ich habe mich auch noch nicht vorgestellt.“

„Shion, nicht wahr? Wie die Blume?“

„Genau. Meine Mutter liebt Bäume und Wildblumen. Was ist mit dir?“

„Nezumi.“

„Huh?“

„Mein Name.“

„Nezumi… das ist es nicht.“

„Nicht was?“

Diese Augenfarbe war nicht die einer Ratte. Sie war mehr eleganter. Wie… der Himmel kurz vor dem Morgengrauen – sah es nicht so aus? Ich errötete verlegen, als ich mich beim reden erwischte wie ein lahmer Dichter. Ich erhob meine Stimme.

„Also, weiter geht’s.“

Denk an die grundlegenden Schritte der Naht, sagte ich mir. Setze zwei oder drei stabile Fäden und nutze sie als Unterstützung um die fortlaufende Naht zu machen… Dies muss mit äußerster Vorsicht und Präzision durchgeführt werden… im Falle einer fortlaufenden Naht…

Meine Finger zitterten. Nezumi beobachtete meine Fingerspitzen in Schweigen. Ich war nervös, aber auch ein wenig aufgeregt. Ich machte die Theorie aus einem Lehrbuch in Aktion. Es war berauschend.

Die Naht war fertig. Ich presste ein Stück sauberen Verbandmull auf die Wunde. Eine Schweißperle lief mir von der Stirn.

„Du bist intelligent.“

Nezumi’s Stirn war auch feucht von Schweiß.

„Ich bin einfach gut mit meinen Händen.“

„Nicht nur deine Hände. Das Gehirn von dir. Du bist zwölf, nicht wahr? Und du wirst in den Begabten fördernden hohen Bildungsweg gehen. Du bist Super-Elite.“

Diesmal gab es keine Spur von Sarkasmus. Auch keine Spur von Ehrfurcht. Ich legte einfach den verschmutzen Verbandmull und die Instrumente beiseite.

Vor zehn Jahren bekam ich den höchsten Rang im Intelligenztest der Stadt für 2 Jährige. Die Stadt bietet allen, die die höchsten Ränge in Geschicklichkeits- oder athletischen Fähigkeiten besitzen, die beste Ausbildung, die man sich nur wünschen konnte. Bis zum Alter von zehn Jahren besuchte ich Kurse in einer Umgebung von modernster Einrichtung unter anderen Klassenkameraden wie ich selbst. Unter den Augen von erfahrenen Ausbildern bekamen wir eine gründliche und solide Ausbildung in den Grundlagen, nach denen wir beurteilt wurden, welches Fachgebiet für uns am besten geeignet war. Von dem Tag an, an dem ich als Höchstrangiger eingestuft wurde, war meine Zukunft mir versprochen. Es war unerschütterlich. Keine kleine Truppe könnte es zerbröckeln. Zumindest war es das, wie es sein sollte.

„Sieht aus wie ein bequemes Bett.“ Nezumi murmelte, immer noch dagegen gelehnt.

„Du kannst es benutzen. Aber zieh dich zuerst um.“

Ich schüttelte ein sauberes Hemd, ein Handtuch und eine Schachtel von Antibiotika in Nezumi’s Schoß. Und dann beschloss ich aus einer Laune heraus, Kakao zu machen. Ich hatte genug grundlegende Kochgeräte in meinem Zimmer, um ein oder zwei warme Getränke zu machen.

„Nicht gerade in Mode, oder?“ Nezumi schnupperte an dem karierten Hemd.

„Besser als ein schmutziges Hemd, das Blutdurchtränkt ist, wenn du mich fragst.“

Ich reichte ihm eine dampfende Tasse Kakao. Zum ersten Mal an diesem Abend, sah ich etwas, das aussah wie ein Flackern von Gefühlen in seinen grauen Augen. Nezumi nippte einen Schluck und murmelte – lecker.

„Es ist gut. Besser als deine Naht.“

„Es ist nicht fair, das so zu vergleichen. Ich finde, es lief ziemlich gut für meinen ersten Versuch.“

„Bist du immer so?“

„Huh?“

„Bist du immer so offen? Oder ist es normal, das alles, was die hochrangige Elite macht, null Gefahr bedeutet?“ Nezumi fuhr fort, die Tasse in beiden Händen.

„Ihr Leute kommt gut klar, ohne das Gefühl von Gefahr oder Angst vor Eindringlingen, huh?“

„Ich fühle Gefahr. Und Angst auch. Ich habe Angst vor gefährlichen Dingen und ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Ich bin auch nicht naiv genug, um zu glauben, dass jemand der durch mein Fenster im zweiten Stock kommt, ein angesehener Bürger ist.“

„Warum dann?“

Er hatte Recht. Warum? Warum behandle ich die Wunde dieses Eindringlings und gebe ihm auch noch einen heißen Kakao? Ich war kein kaltblütiges Monster. Aber ich war auch keiner der aus Mitleid jedem Verletzten einfach die Tür öffnet. Ich war kein Heiliger. Ich hasste den Umgang mit Ärger und Unstimmigkeiten. Aber ich ließ diesen Eindringling hinein. Wenn die städtischen Behörden das herausfänden, würde ich in große Schwierigkeiten geraten. Sie könnten mich als jemanden ansehen, dem sein gesundes Urteilsvermögen fehlt. Wenn das passiert…

Meine Augen trafen auf die des Jungen. Ich dachte ich würde einen Hauch von Lachen in ihnen sehen. Als könnten sie durch mich hindurchsehen, meine Gedanken lesen und mich anlachen. Ich ballte meinen Bauch und starrte ihn an.

„Wärst du ein großer, aggressiver Mann, hätte ich längst den Alarm eingeschaltet, genau dann und dort. Aber du warst klein, sahst aus wie ein Mädchen und warst kurz vor dem Umkippen. Also… also entschied ich mich dich zu behandeln. Und…“

“Und?”

Und deine Augen hatten eine seltsame Farbe, die ich nie zuvor gesehen hatte. Und sie zogen mich an.

„Und… ich wollte sehen wie es ist eine Wunde zu nähen.“

Nezumi zuckte mit den Schultern und trank den Rest seines Kakao. Seinen Mund mit der Hand abwischend, fiel er wie eine Palme auf die Bettwäsche.

„Kann ich wirklich schlafen gehen?“

„Sicher.“

„Danke.“

Das waren die ersten Worte der Dankbarkeit, die ich gehört habe, seit dem er in mein Zimmer gekommen war.

* * *

Mutter saß auf dem Sofa im Wohnzimmer, versunken in den an der Wand montierten Flachbildfernseher. Sie bemerkte mich hineinkommen und zeigte auf den Bildschirm. Eine weibliche Nachrichtensprecherin mit langen, glatten Haaren sprach eine Warnung an alle Bewohner von Chronos aus.

Ein Sträfling war aus der Justizvollzugsanstalt im West Block entkommen und wurde zuletzt auf der Flucht nach Chronos gesehen. In Bezug auf den Hurrikan wurde letzte Nacht eine Ausgangssperre ausgerufen. Jedem in der Region, mit Ausnahme von Sonderfällen, war es verboten ihre Häuser zu verlassen.

Nezumis Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Darunter schwebten die Worte „VC103221“ in roten Buchstaben.

„VC…“

Ich nahm einen Löffel Kirschtorte in den Mund. Jedes Jahr ohne Ausnahme, machte meine Mutter mir eine Kirschtorte zum Geburtstag. Das machte sie, weil Vater eine Kirschtorte nach Hause gebracht hatte, als ich geboren wurde.

Nach dem was meine Mutter sagte, war mein Vater ein hoffnungsloser Fall, der nach Geldverschwenden und Frauen süchtig war. Aber vor allem die Flasche – er war nur einen Schritt davon entfernt ein Alkoholiker zu werden. Eines Tages war er nach Hause gekommen und hatte in seiner Betrunkenheit Kirschtorten gekauft – drei von ihnen – die so gut waren, dass meine Mutter sich nicht helfen konnte aber die Erinnerung an ihren Geschmack jedes Mal am 7. September sie einholten. Meine Eltern ließen sich zwei Monate nach der Kirschtorte scheiden. So habe ich leider keinerlei Erinnerung an meinen hoffnungslosen Vater, der kurz davor war ein Alkoholiker zu werden. Aber es war keine Unannehmlichkeit. Nachdem ich als Top-Rang eingestuft wurde, bekamen meine Mutter und ich das Recht in Chronos zu leben, zusammen mit allen Versicherungs- und Lebensbedingungen, einschließlich diesem bescheidenen, aber gut ausgestattetem Haus. Es gab also keine Unannehmlichkeiten.

„Ich habe mich gerade daran erinnert, dass auf dem Hof das Sicherheitssystem noch ausgeschaltet ist. Es ist kein Problem es auszulassen, oder?“

Mutter erhob sich langsam. Sie hatte vor kurzem eine Menge Gewicht zugelegt und es schien wie eine Anstrengung für sie zu sein, sich zu bewegen.

„Es ist so ein Schmerz im Nacken, das Ding. Sogar wenn eine Katze über den Zaun springt, wird der Alarm ausgelöst und die Leute von der Security kommen jedes Mal um es zu überprüfen. Was für ein Aufwand.“

Fast so, als hätte es etwas mit ihrer Gewichtszunahme zu tun, hatte sie begonnen immer mehr Dinge „Ein Schmerz im Nacken“ zu nennen.

„Aber schau ihn an, er ist noch so jung. Ein VC… Ich frage mich was er getan hat.“

VC. Der V-Chip. Es war kurz für Violence-Chip (Gewalt-Chip) und war ursprünglich ein Begriff in Amerika für Halbleiter, der für zensierte Fernsehinhalte verwendet wurde. Mit diesem Chip könnten sie im Fernsehen keine gewalttätigen oder störenden Szenen anzeigen. Wenn ich mich richtig erinnerte, wurde dieser Begriff das erste Mal in der 1996 überarbeiteten Fassung des Telekommunikationsgesetztes genutzt.

Aber in No.6 trug die Bezeichnung VC eine schwere Bedeutung. Täter die Mord, versuchten Mord, Raub, Körperverletzung, und andere Gewaltverbrechen begangen haben, wurde dieser Chip in den Körper gepflanzt. Dieser fähige Computer weiß den genauen Standort, Zustand und auch emotionale Schwankung des Verurteilten. VC war ein Begriff, den wir für Gewalttäter benutzten.

~ Aber wie bekam er den Chip raus? ~

Wenn der VC immer noch in seinem Körper war, konnte seine Position sofort mit dem Stadt-Tracking-System geortet werden. Es wäre leicht möglich gewesen, ihn zu verhaften, ohne dass es Bürger merkten. In den Nachrichten die Flucht öffentlich zu machen, würde nur bedeuten, dass sie nicht in der Lage waren seinen Standort herauszufinden.

~ Könnte diese Schusswunde…? Nein, das kann nicht sein. ~

Ich hatte noch nie zuvor eine Schusswunde an einem Menschen gesehen, aber ich konnte sagen, dass auf jeden Fall aus einem Abstand heraus geschossen wurde. Hätte er sich den Chip herausgeschossen, wäre die Wunde viel gravierender gewesen, mit Entzündungen und allem.

„Ziemlich öde, nicht wahr? Eine Schande, da es dein besonderer Tag ist.“

Mutter seufzte, als sie Petersilienflocken in den Eintopf auf dem Tisch streute. „Öde“ war eines dieser Wörter, die sie in diesen Tagen oft benutze.

Meine Mutter und ich waren uns sehr ähnlich. Wir waren beide etwas über-sensibel und mochten Soziales nicht besonders. Die Menschen um uns herum waren nett, so nett, dass man nichts Schlechtes über sie sagen konnte. Meine Klassenkameraden, die Bürger um uns herum, waren genial, intelligent und hatten gute Manieren. Niemand erhob die Stimme, um eine andere Person zu beleidigen oder sie mit Feindseligkeit zu behandeln. Es gab keine fremden oder verschlagenen Menschen. Jeder hielt seinen Stand und seine gesunde Lebensweise, da waren plumpe Figuren wie meine Mutter sogar selten. In dieser friedlichen, stabilen und einheitlichen Welt, in der jeder gleich aussah, gebrauchte meine Mutter immer häufiger, die Wörter „Schmerz im Nacken“ oder „öde“ und fing an, die Gegenwart anderer Menschen als unterdrückend zu empfinden.


Breche es.

Zerstöre es.

Zerstören, was?

Alles.

Alles?


Der Löffel rutschte aus meiner Hand und viel klappernd zu Boden.

„Was ist los? Du warst in Gedanken.“

Mutter schaute mich neugierig an. Ihr rundes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.

„Es ist selten, Shion, dass du so verträumt bist. Soll ich den Löffel desinfizieren?“

„Oh, nein. Es ist keine große Sache“, lächelte ich sie an. Mein Herz raste so schnell, dass es mir schwer viel zu atmen. Ich schluckte das Mineralwasser in einem Zug. Schusswunden, Blut, VC, graue Augen. Was waren all diese Dinge? Sie hatten bis jetzt nie in meiner Welt existiert. Welche Bedeutung hatten sie, dass sie so plötzlich in meinem Leben auftauchten?

Ich hatte eine flüchtige Ahnung. Ein Gefühl, dass eine große Veränderung kam. Genau wie ein Virus, das in eine Zelle eindringt und diese mutieren lässt oder zerstört, hatte ich das Gefühl, dass dieser Betrüger die Welt in der ich lebte stören und völlig zerstören wird.

„Shion? Wirklich, was ist in dich gefahren?“

Mutter schaute mir mit einem besorgten Gesichtsausdruck wieder ins Gesicht.

„Tut mir leid, Mama. Dieser Bericht stört mich. Ich werde in meinem Zimmer essen“, log ich und stand auf.



„Mach das Licht nicht an“, befahl mir eine leise Stimme, als ich den Raum betrat.

Ich mochte die Dunkelheit nicht, deswegen ließ ich normalerweise immer das Licht an. Aber jetzt war es stockdunkel.

„Ich kann nichts sehen.“

„Das brauchst du auch nicht.“

Aber wenn ich nicht sehen konnte, konnte ich mich nicht bewegen. Ich stand hilflos da, mit dem Eintopf und dem Stück Kirschtorte in meinen Händen.

„Etwas riecht gut.“

„Ich habe Eintopf und Kirschtorte.“

Ich hörte einen Pfiff der Wertschätzung in der Dunkelheit.

„Willst du?“

„Natürlich.“

„Du wirst es in der Dunkelheit essen?“

„Natürlich.“

Ich setzte vorsichtig einen Fuß nach vorn. Ich konnte ein ruhiges Kichern hören.

„Kannst du nicht mal den Weg in dein eigenes Zimmer finden?“

„Ich war noch nie nachtsichtig, danke. Siehst du im Dunkeln?“

„Ich bin eine Ratte. Natürlich tu ich das.“

„VC 103221.“

In der Dunkelheit konnte ich spüren, wie Nezumi erstarrte.

„Du warst überall in den Nachrichten. Berühmt.“

„Hah. Sehe ich nicht besser im wirklichen Leben aus? Hey, der Kuchen ist echt gut.“

Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Ich saß auf dem Bett und schielte zu Nezumi.

„Kannst du sicher hier weg?“

„Natürlich.“

„Was hast du mit dem Chip gemacht?“

„Er ist immer noch in mir.“

„Soll ich ihn herausholen?“

„Chirurgie wieder? Nein, danke.“

„Aber…“

„Es spielt keine Rolle. Das Ding ist jetzt sowieso nutzlos.“

„Was meinst du damit?“

„Der VC ist nur ein Spielzeug. Deaktiviert ist er wie ein Stück Kuchen.“

„Spielzeug, huh.“

„Jap, ein Spielzeug. Und lass mich dir etwas sagen, diese Stadt ist auch wie ein Spielzeug. Ein billiges Spielzeug, das ziemlich auf der Außenseite ist."

Nezumi hatte den Eintopf und den Kuchen schon verschlungen. Er stieß einen Seufzer des Sättigungsgefühls aus.

„So, du bist also sicher zu entkommen, wenn die Stadt auf Höchstalarm ist?“

„Natürlich.“

„Aber es gibt einen strengen Sicherheits-Check für Unbefugte, die nicht registriert sind. Es gibt ein ganzes System für solche Leute in diesem Stadtteil.“

„Glaubst du? Diese Stadt ist nicht so perfekt wie du denkst. Sie ist voller Löcher.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“

„Weil ich nicht Teil des Systems bin. Ihr seid alle darauf programmiert zu glauben, dass dieser löchrige falsche Müll die perfekte Utopie ist. Oder, nein, das ist das, was ihr glauben wollt.“

„Ich weiß nicht.“

„Huh?“

„Ich glaube nicht, dass dieser Ort perfekt ist.“

Die Worte fielen aus meinem Mund. Nezumi verstummte. Vor mir gab es nur eine Fläche aus Dunkelheit. Ich konnte seine Präsenz einfach nicht spüren. Er hatte Recht, er war eine Ratte. Ein nächtliches Nagetier, verborgen in der Dunkelheit.

„Du bist seltsam“, sagte er leise, sogar leiser als zuvor.

„Wirklich?“

„Bist du. Das ist nicht etwas, das ein Super-Elite sagen sollte. Bist du nicht in Schwierigkeiten, wenn die Behörden das herausfinden?“

„Ja. In großen Schwierigkeiten.“

„Du hast einen VC aufgenommen und es nicht dem Präsidium gemeldet… Wenn sie das herausfinden, bist du in noch größeren Schwierigkeiten. Sie werden nicht einfach von dir ablassen.“

„Ich weiß.“

Nezumi packte plötzlich meinen Arm. Seine Finger gruben sich in mein Fleisch.

„Glaubst du wirklich? Ich meine, es ist nicht mein Problem, was mit dir geschieht, aber wenn dir etwas wegen mir geschehen würde, würde mir das nicht gefallen. Ich hätte das Gefühl, ich hätte etwas Schreckliches getan…“

„Das ist rücksichtsvoll von dir.“

„Mama hat mir immer gesagt, ‚mach anderen Leuten keine Schwierigkeiten‘“, sagte er leichthin.

„Dann wirst du gehen?“

„Nein. Ich bin müde und da draußen tobt ein Orkan. Außerdem habe ich endlich ein Bett. Ich werde hier schlafen.“

„Mach es dir gemütlich.“

„Papa hat mir immer gesagt, meine öffentlichen Manieren von meinen persönlichen Gefühlen zu trennen.“

„Klingt wie ein großartiger Vater.“

Seine Finger zogen sich aus meinem Arm.

„Ich glaube ich hatte Glück, dass du seltsam warst“, sagte Nezumi leicht.

„Nezumi?“

„Hm?“

„Wie bist du zu Chronos gekommen?“

„Sag ich nicht.“

„Bist du aus der Justizvollzugsanstalt ausgebrochen und in die Stadt? Ist das überhaupt möglich?“

„Natürlich ist es möglich. Aber ich bin nicht allein nach No.6 gekommen. Jemand hat mich rein gelassen. Nicht, dass ich hierher kommen wollte.“

„Dich reingelassen?“

„Jap. Ich wurde eskortiert, könnte man sagen.“

„Begleitet? Von der Polizei? Wohin?“

Die Justizvollzugsanstalt war im West Block, eine Hochsicherheitszone. Wer No.6 von dort aus betreten wollte, musste die Genehmigung vom Präsidium bekommen. Diejenigen, die spezielle Einreisegenehmigungen hatten, waren frei ein und aus zugehen, aber neue Bewerber, wie ich gehört hatte, mussten einen Monat darauf warten damit ihre Bewerbung überhaupt akzeptiert wird – und meist wurden weniger als 10 Prozent zugelassen. Die Anzahl der Tage, die die Bewerber in der Stadt bleiben durften, wurden auch stark eingeschränkt. Natürlich begannen die Menschen im West Block sich anzusammeln. Immer mehr Menschen warteten darauf, dass ihre Genehmigungen bearbeitet werden sollen und Unterkünfte und Gastronomiebetriebe säumten die Straßen. Noch mehr Menschen strömten ein um zu arbeiten oder Geschäfte zu machen. Ich war zwar noch nie im West Block gewesen, doch ich hatte gehört, dass es ein sehr lebendiger Ort ist. Die Kriminalität dort ist hoch. Die Mehrzahl der VC die die Justizvollzugsanstalt füllen sind die Bewohner des West Blocks. Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr bis lebenslänglich werden basierend auf Alter, Vorstrafen und Grad der Gewalt des Verbrechens gegeben. Es gibt keine Todesstrafe. Der West Block diente als eine Art Festung, die alle Menschen und Dinge, die Gewalt verursachen, dort gesichert werden und verhindert, dass diese in die Stadt gelangen. So für einen VC, der von dort in die Stadtmauern eskortiert wird – wohin wollten sie? Und aus welchem Grund?

Nezumi kroch ins Bett.

„Wahrscheinlich das Moondrop.“

„City Hall!“, rief ich aus. „Das Zentrum der Stadt? Warum?“

„Sag ich nicht. Das solltest du besser sowieso nicht wissen.“

„Warum nicht?“

„Ich bin müde. Lass mich schlafen.“

„Ist es etwas, das du mir nicht erzählen kannst?“

„Kannst du garantieren, es zu vergessen, sobald du es gehört hast? So zu tun als hättest du es nicht gehört? Glatt zu lügen, dass du es nicht weißt? Du bist vielleicht klug, aber du bist kein Erwachsener. Du kannst nicht so gut lügen wie die.“

„Ja vielleicht, aber…“

„Also frag mich das nicht an erster Stelle. Im Gegenzug werde ich es auch niemandem sagen.“

„Huh? Über was?“

„Über das, wie du aus dem Fenster geschrien hast.“

Er hatte mich gesehen. Ich konnte sehen, wie mein Gesicht vor Scham brannte.

„Es überraschte mich völlig unvorbereitet. Ich schlich in deinen Garten und fragte mich, was ich als nächstes tun sollte und plötzlich öffnete sich das Fenster und du hast dein Gesicht rausgesteckt.“

„Hey, warte eine Minute…“

„Ich beobachtete was du als nächstes tun würdest, und dann fingst du an zu schreien. Ich glaube ich habe noch niemanden gesehen, der mit so einem Gesicht schreit, wie...“

„Halt die Klappe!“

Ich stürzte mich auf Nezumi, doch alles was ich fühlte, war das Kissen als ich auf es drauf viel. Im Nu war Nezumi auf. Er glitt eine Hand unter meinen Arm und mit einer schnellen Drehung war ich mühelos umgedreht auf meinem Rücken. Nezumi kletterte über mich und hielt meine beiden Arme mit einer Hand fest. Seine Beine spreizten meine Hüfte und drückten sie hart auf das Bett. Für einen Augenblick fühlte ein Kribbeln, ein Taubheitsgefühl von meinen Beinen bis hinunter zu meinen Zehen. Es war beeindruckend. In einem Bruchteil einer Sekunde wurde ich gefangen, unbeweglich und an mein eigenes Bett gefesselt. Mit seiner freien Hand drehte Nezumi den Suppenlöffel um. Er drückte die Klinke gegen meinen Hals und glitt damit leicht darüber. Er duckte sich, sodass seine Lippen an meinem Ohr waren.

„Wenn das ein Messer wäre“, flüsterte er, „wärst du tot.“

Ein Muskel in meiner Kehle zuckte. Beeindruckend.

„Das ist erstaunlich. Gibt es einen Trick, um das zu tun?“

„Huh?“

„Wie kannst du jemanden so leicht unbeweglich machen? Gibt es spezielle Nervenzellen, Punkte, die du drücken musst, oder so was?“

Die Kraft, die mich hinunterdrückte, entspannte. Nezumi sank auf mich, zitternd – er lachte.

„Ich kann das nicht glauben. Du bist komisch“, keuchte er.

Ich umkreiste meine Arme um Nezumi und steckte meine Hände über den Rücken seines Hemdes. Es war heiß. Seine brennende Haut war feucht von Schweiß.

„Ich wusste es… du bekommst ein Fieber. Du solltest Antibiotika zu dir nehmen.“

„Mir geht es gut… ich will einfach nur schlafen.“

„Wenn wir dein Fieber nicht runter bringen, wirst du sogar noch schwächer. Du bist richtig heiß.“

„Du bist auch ziemlich warm.“

Nezumi gab einen tiefen Seufzer von sich und murmelte geistesabwesend.

„Lebende Menschen sind warm.“

Er wurde still und nicht lange danach, konnte ich seine ruhige, regelmäßige Atmung hören. Mit seinem fiebrigen Körper in meinen Armen, sank ich ohne es zu wissen, in den Schlaf.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Nezumi gegangen. Das karierte Hemd, das Handtuch und das Notfallkästchen mit ihm.

7 Kommentare:

  1. :D
    Vielen - vielen - vielen Dank für´s Übersetzen *____*
    Ehrlich! - ich hab mich extremst gefreut als ich gesehen hab, das jmd. den No.6 Novel übersezt <3

    Machst du auch noch den Rest?
    und sorry für die nervige Frage ^^"
    Hast du aber toll gemacht :D

    yoko~

    P.S. ich kenn den englischen Novel nicht. Aber da steht doch bestimmt bei diesem Satz auf englisch: „Ich sehe… überarbeite dich nicht. Komm später zum Abendessen nach unten.“
    "I see... [...]" - nicht wahr? wird das dann nicht ehr mit "ich verstehe...[...]" übersetzt? also statt "Ich sehe... [...]"
    mh? - genau kann ich das nicht sagen.. bin selber miserabel in englisch xD

    danke nochmal für alles :3

    AntwortenLöschen
  2. Hey :)
    danke für deinen lieben Kommentar!

    Ich denk ich mach den Rest noch, also ja :D
    Ist doch keine nervige Frage!
    Dankeschön!!

    Oh stimmt :) hast Recht! Die Übersetzung ist schon ziemlich alt... ich schau mal ob ich noch Mal drüber schau! Danke! Besser ich gleich aus ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Immer wieder gerne :D
      Ich hab mich einfach auch sp dolle darüber gefreut, dass jmd. die Novels übersetzt!

      (Wo gibts die eingelich auf englisch? - Also kann ich mir die auf englisch als Bücherkaufen? Bei Amazon oder so o.O ???)

      yay~ Vielen lieben Dank *___*
      Mich als treue Leserin hast du schon ;)

      ^^ Wenn mir was auffällt sag ich dir bescheid :D Außerdem kann das jedem mal passieren xD

      yoko~

      Löschen
    2. :D

      Offiziel gibt's die leider nicht auf Englisch :( also keine Bücher oder so. http://9th-ave.blogspot.de/p/no-6.html
      Von da übersetz ich sie immer :) total gute Übersetzung!! Aber bitte vergleich jetzt meine Übersetzung nicht mit der xD weil dann würdest du noch mehr Fehler finden :x

      Dankeschön :D freut mich, dich als Leserin zu haben!! :)
      Okay gut! Danke dass du bescheid sagst! Ich möcht ja selbst meine Fehler verbessern :)

      LG Karina

      Löschen
  3. Ich finde es super mega hyper duper awesome von dir dass du die Novels übersetzt, ich hoffe inständig du brichst nicht ab! Ich liebe No.6 soooo sehr~ <3 <3
    Danke danke danke danke danke!!Dass du die Novels übersetzt *dich mit allem Guten überhäuf*
    Ich freu mich total >w< Immer weiter so *Q*

    LG Saphira

    AntwortenLöschen
  4. Hey :)
    Ich liebe No.6 auch sehr!! Nur schade, dass kein Verlag sich die Mühe macht, die Novels bzw. die Mangas zu übersetzen :l

    Dankeschön :D

    LG Karina

    AntwortenLöschen
  5. Schande über mich, das ich sowas erst... ca. ein halbes Jahr 'zu spät' bemerke <.<
    Ich find es echt toll, dass du das übersetz hat und ich hoffe, dass es noch mehr Übersetzungen geben wird *___*

    AntwortenLöschen